"Dann produzieren wir eben Hängematten!"
Götz Werner referierte über das Bedingungslose Grundeinkommen
Wir kamen etwa halb acht, Donnerstag, 14. Dezember. Das Schauspielhaus in Bochum war schon gut gefüllt, die Gäste standen zwar noch in der Vorhalle, aber so langsam füllte sich denn auch der Saal. Für uns war leider nur noch auf dem Oberrang Platz, so dass wir dafür aber einen ausgezeichneten Blick auf die vollkommen leere Bühne hatten. Dort stand am Rande lediglich ein kleines Pult und eine üppige Blumenvase. Nach kurzer Begrüßung durch die GLS-Bank - die die Veranstaltung organisiert hatte - betrat Professor Götz W. Werner die Bühne.
Werner, unter tosendem Beifall heraufgekommen, ist Unternehmer. Er leitet seit über dreißig Jahren die Drogerie-Kette dm, eine der Marktführerinnen in Deutschland. dm beschäftigt in neun Ländern knapp 25.000 Menschen, insgesamt hat dm einen Jahresumsatz von gut dreieinhalb Milliarden Euro.
Bedingungslos muss es sein
Gekommen waren all die Leute, um einen Vortrag von Götz Werner zum bedingungslosen Grundeinkommen zu hören. Gut eine Stunde referierte er, über die leere Bühne wandernd, über seine Ideen, wie unsere Gesellschaft sich verändern sollte. Immer wieder ging sein Vortrag im überschwänglichen Applaus unter, viele schienen wohl weniger an seinen konkreten Ideen, denn vielmehr an einem Allheilmittel interessiert – so hatte er auch kaum Überzeugungsarbeit zu leisten.
Zunächst ging es ihm besonders um den Aufbau unserer heutigen Gesellschaft, unsere Definition von Einkommen. Im Gegensatz zu früheren Zeiten befänden wir uns heute schon lange nicht mehr in der Selbstversorgergesellschaft – genau gingen wir aber mit unserem Einkommen um. Stattdessen befänden wir uns schon seit geraumer Zeit in der absoluten Fremdversorgung. Niemand von uns könne mehr leben, wenn nicht andere für ihn arbeiten würden, ebenso wenig aber könnten andere ohne unsere Arbeit leben. Entsprechend ist Werner der Überzeugung, dass Einkommen uns erst die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglicht, sie für uns Grundlage für Partizipation und Eigeninitiative ist. Die Gesellschaft müsse also auch allen ein Recht auf Einkommen gewähren.
„Ich mache mich mal bei den Frauen beliebt..."
Besonders die Auswirkungen für Frauen hob der Karlsruher immer wieder hervor: Welche Hausfrau müsse sich denn heute nicht anhören, ob sie auch arbeite, oder nur zu Hause sei? Werner stellt ein völlig neues Geschlechterverhältnis in Aussicht, denn wer ein Grundeinkommen bekomme, der könne selbst entscheiden, was er tue, und was er lasse. Niemand würde zu Arbeiten gezwungen, die er nicht machen wolle – es würden also vor allem viele Ausreden wegfallen, man habe ja gar keine andere Wahl.
„Das Grundeinkommen ist die größtmögliche Form der Freiheit!"
Ganz gefallen wollte dies allen aber wieder auch nicht. Es wurde auch klar, dass Werner eben ein sehr spezielles Bild des Menschen hat, dass ganz offensichtlich nicht alle im Saal mit ihm teilen wollten. In den darauf folgenden Fragen wollten so auch einige von ihm wissen, was denn mit Leuten geschehe, die nicht arbeiten wollen, die sich einfach in die Hängematte legen. Diesen Einwand ließ er aber nicht gelten, schließlich würden doch jene, die nicht arbeiten wollten, auch heute schon nicht arbeiten, trotz Hartz IV. Und – lägen alle in der Hängematte, nun, dann müsse man eben Hängematten produzieren!
Außerdem bilde das Grundeinkommen doch auch nur einen Grundstock für die gesellschaftliche Teilhabe. Luxus solle es nicht finanzieren, dafür müsse jeder weiterhin arbeiten gehen. Auf der anderen Seite fördere eine bedingungslose Unterstützung für alle aber auch enorm viel Initiative. Mit der Sicherheit ohne Existenznöte leben zu können, würden sich doch viele ihre Träume verwirklichen, auch wenn sie davon in der heutigen Gesellschaft nicht leben könnten, so Werner.
„Aber dann mit der Mehrwertsteuer..."
Besonders absurd fanden viele wohl Werners Erklärungen darüber, dass kein Unternehmen tatsächlich Steuern zahle, dass alle Steuern auch heute schon in den Preisen einkalkuliert seien, und eine drastisch erhöhte Mehrwertsteuer, wie Werner sie vorschlägt, also nur all die anderen Steuern ersetzen würde. Immer wieder kamen dazu Nachfragen, die Werner zu klären versuchte: Steuern, die ein Unternehmen heute zu zahlen hat, muss es über die Preise einnehmen, und somit steckten auch heute tatsächlich fast alle Steuern in allen Preisen. Da im Wernerschen Modell außer der Mehrwertsteuer keine andere Steuer mehr existent wäre, müsste diese zur Finanzierung des Staates deutlich erhöht werden, und ersetzte dann die entsprechenden Anteile der bisherigen Steuern.
Mehr Fragen als zuvor
Er wolle, so sagte er zu Beginn, dass seine Zuhörer mit mehr Fragen rausgingen, als sie gekommen waren. Die Idee eines Grundeinkommens müsse man denken, denn nur was man denken könne, könne später auch umgesetzt werden. Und wer nicht selbst denke, der werde gedacht.
An vielen Stellen blieb der dm-Chef vage, tat Nachfragen ab und ging über kritische Anmerkungen hinweg. Alles in allem kann man wohl nicht sagen, dass Werner den Saal begeistert, geschweige denn mit seinem Konzept mitgerissen hat. Viel mehr warf er wirklich mehr Fragen auf, als er beantworten konnte.
Das Ende war denn auch mehr von Unterhaltungswert, als es wirklich Neuigkeiten zu Tage brachte.
Was bleibt nach so einem Abend? Bestimmt ist das Grundeinkommen eine Zukunftsperspektive, die man nicht als reine Spinnerei abtun sollte, bestimmt ist es ein Konzept, das man bedenken sollte. Was allerdings nach diesem Abend klarer ist als zuvor: Das Grundeinkommen ist kein Allheilmittel, es löst nicht alle Probleme, die sich uns heute stellen. Werner weiß das, aber vermutlich geht es ihm darum auch gar nicht.
Sophia Reintke und Max Löffler,
Politische Geschäftsführerin und Sprecher des NRW-Landesvorstands,
besuchten Götz Werner im Schauspielhaus in Bochum.





