Gleich berechtigt: Für eine neue Geschlechterpolitik
Beschlossen von der Landesmitgliederversammlung am 19.03.2006 in Köln
Geschlechterpolitik ist schon immer ein zentrales Thema grüner Politik, steht aber immer weniger auf der Agenda. Trotz der Erfolge der letzten Jahrzehnte sind wir von wirklicher, gelebter Gleichberechtigung noch weit entfernt. Die Grüne Jugend NRW fordert deshalb von allen politischen Parteien eine wirklich geschlechtergerechte, emanzipative und pluralistische Politik. Jeder Mensch soll nicht nur theoretisch das Recht, sondern auch praktisch die Möglichkeit haben, das Leben so zu gestalten, wie er oder sie es will. Dieses Ziel ist nur zu erreichen, wenn Alle die gleichen Möglichkeiten haben, an politischen Entscheidungsprozessen, wirtschaftlichem Wohlstand und medizinischer Versorgung teilzuhaben. Das ist nur möglich, wenn durch Erziehung und Gesellschaft eingeübte Geschlechterrollen aufgebrochen werden: wir brauchen emanzipierte Frauen, die bereit sind, sich gegen die gesellschaftlichen Normen zu stellen – und emanzipierte Männer, die aus ihrer stereotyp-männlichen Rolle ausbrechen. Geschlechterpolitik umfasst mehr als Frauenpolitik.
In den letzten Jahrhunderten haben die Frauenbewegungen viel erreicht, aber immer noch liegt vieles im Argen: Frauen erhalten trotz oftmals besserer Qualifikation immer noch geringere Gehälter als Männer. Frauen sind seltener in Führungspositionen vertreten, Frauen leisten häufiger unbezahlte Arbeit. Frauen werden häufiger Opfer von Gewalt.
Trotzdem ist gerade in unserer Generation ein Desinteresse für frauenspezifische Themen zu bemerken: Geschlechterpolitik scheint oft altbacken, viele Mädchen und junge Frauen nehmen kaum noch direkte Diskriminierung oder wählen den scheinbar einfacheren Weg in die tradierten Geschlechterrollen. Auch deshalb ist es unsere Aufgabe, uns weiter für eine geschlechtergerechte Gesellschaft einzusetzen und auf Missstände laut hinzuweisen, auch gegen den Widerstand großer gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Interessenverbände.
Geschlechterpolitik als Querschnittsaufgabe
Geschlechterpolitik muss Querschnittsaufgabe der Politik sein: sie muss finanzielle und gesetzliche Rahmenbedingungen für gleichberechtigte Lebensentwürfe liefern und sich für die gesellschaftliche Akzeptanz dieser Modelle einsetzen. Frauenförderung und Quotenregelungen in allen Bereichen – gerade in der Wirtschaft – sollten erwogen werden, wenn es nicht gelingt, von den entsprechenden Interessenverbänden die Zusage für Frauenförderprogramme zu erhalten. Gleichberechtigte Rollenbilder müssen in der ganzen Breite der Gesellschaft – ob Politik, Wirtschaft, Bildung oder Medien – umgesetzt werden, um ein Umdenken weg von stereotypen Modellen, hin zu größtmöglicher Freiheit und Pluralität zu erreichen.
Gender Mainstreaming, das heißt die Untersuchung aller Anstrengungen auf ihr Streben nach Geschlechtergerechtigkeit, muss weiter konsequent in allen Politikbereichen umgesetzt werden. Hierzu gehört auch die konsequente Anwendung geschlechtergerechter Sprache.
Gleichberechtigte Teilhabe fördern
Die Grundlage für ein selbstbestimmtes Leben ist die gleichberechtigte Teilhabe an Erwerbsarbeit. Der Anteil der Frauen gemessen an allen Erwerbstätigen in Deutschland beträgt 46, 9 %.
Mädchen machen häufig bessere Schulabschlüsse als Jungen, junge Frauen sind häufig besser qualifiziert. Diese Qualifikation wird jedoch von der Wirtschaft häufig nicht anerkannt, vielmehr stellt für Unternehmen die Einstellung einer Frau häufig ein „Risiko“ dar, weil diese durch Schwangerschaft ausfallen könnte. Gerade in Führungspositionen sind Frauen unterrepräsentiert, nur 10% der Unternehmen werden von Frauen geleitet. Deshalb brauchen wir rechtliche Bestimmungen über z.B. Förderprogramme hinaus, um die Chancen für Frauen zu verbessern, in Entscheidungspositionen vorzurücken. Außerdem brauchen wir eine moderne Familienpolitik, die zum einen Familie und Beruf miteinander vereinbar macht und die zum anderen Rechte und Pflichten bei der Erziehung gleichermaßen verteilt, um den Zwang zur „Mutterrolle“ bei Frauen zu verhindern. Die Grüne Jugend NRW fordert eine finanzielle Förderung der Elternzeit, außerdem müssen Anreizsysteme geschaffen werden, die die gleichberechtigte Beteiligung von Männern an der Elternzeit bewirken.
Unser Ziel ist die gleiche Entlohnung für gleichwertige Arbeit von Männern und Frauen. Gerade junge Mädchen müssen bei ihrer Berufswahl darin unterstützt werden, klassische „Männerberufe“ zu ergreifen. Dies kann nicht nur durch spezielle Förderprogramme (z.B. Gendertrainings) für Frauen, die bereits im Berufsleben stehen, erreicht werden. Vor allem muss bereits in der Schule die „schleichende“ Diskriminierung abgebaut werden: Frauen sollen zum Ergreifen mathematisch- naturwissenschaftlicher Berufe ebenso ermuntert werden wie Männer, Berufe zu ergreifen, in denen sie traditionell unterrepräsentiert sind.
Kinder und Karriere für Frauen und Männer
Das Leben mit Kindern und die Ausübung eines Berufs müssen besser vereinbart werden können. Gleichberechtigung beginnt in der Familie: wir streben die gleichberechtigte Aufteilung von Erziehungsaufgaben an.. Die gesellschaftliche Akzeptanz für karriereorientierte Frauen und familienorientierte Männer muss wachsen. Nach skandinavischem Vorbild sollten Männer durch ein Anreizsystem dazu ermutigt werden, für sich und ihr Kind die Hälfte der zustehenden Elternzeit zu übernehmen. Allein Erziehende Mütter und Väter sind besonders zu fördern, da sie nach wie vor kaum Möglichkeiten haben, während der Erziehungszeit noch einen Beruf auszuüben.
Rot-grün hat den grundsätzlichen Anspruch auf Teilzeitarbeit gesetzlich verankert, dieser muss noch mehr als bisher genutzt werden. Hier ist es Aufgabe grüner Politik, die gesellschaftliche Akzeptanz zu erhöhen. Gerade in Fragen des Sorgerechts gilt es, die Gleichberechtigung von Müttern und Vätern sicher zu stellen und einen gemeinsamen Umgang und eine aktive Mitgestaltung der Erziehung durch beide Elternteile zu gewährleisten.
Vor allem ist die Betreuung, Bildung und Erziehung von Kindern bis zum Schuleintritt ein elementarer Baustein zur Entlastung der Eltern und zur frühen, chancengerechten Förderung der Kinder. Dazu gehört ein Rechtsanspruch auf Besuch einer Kita für unter 3-Jährige ebenso wie die Weiterentwicklung des jetzigen Kindergartens zur kostenfreien Regeleinrichtung für alle Kinder ab Drei bis zum Schuleintritt. In der vorschulischen Kindertageseinrichtung nach französischem oder skandinavischem Vorbild können Kinder früh Sozialkompetenzen erlernen und sprachlich und gesundheitlich gefördert werden.
Geschlechterpolitik fängt bei den Kindern an
Schon Bildung im frühen Alter trägt einen entscheidenden Teil zur Wahrnehmung von Geschlechterrollen bei. Kindererziehung ist die Aufgabe beider Elternteile – und als solche sollte sie auch wahrgenommen werden. Deshalb ist es notwendig, mehr männliches Personal in pädagogischen Berufen auszubilden, denn gerade im Vorschulalter fehlen männliche Erzieher.
Geschlechtsneutrale Erziehung muss bereits in der KiTa ansetzen. LehrerInnen und ErzieherInnen müssen bereits in der Ausbildung für Genderproblematiken sensibilisiert werden, um als Vorbilder dienen zu können. Darüber hinaus müssen Lehrerinnen in naturwissenschaftlichen Fächern und an den Hochschulen gestärkt werden.
Rollen-Bilder: Medien als Meinungsmacher
Frauen werden in Medien und Werbung immer noch häufig auf Stereotype reduziert. Sie wird als „die Hausfrau“, „die Mutter“, „das Dummchen mit Sex-Appeal“ herabgesetzt. Männer werden dadurch in die Rolle des muskelbepackten und gefühlskalten Machers gedrängt, der sobald er Emotionen zeigt als schwach und unmännlich wahrgenommen wird.
Medien sind in unserer Gesellschaft der wohl wichtigste Vermittler von Meinungen und Weltbildern. Deshalb tragen sie eine besondere Verantwortung, der sie aber kaum gerecht werden. Die Vermittlung herabwertender Rollenbilder muss geächtet werden. Die Medien sollen sich im Zuge einer freiwilligen Selbstkontrolle dazu verpflichten, Inhalte und Werbung, in denen Frauen als Sexualobjekt dargestellt werden, nicht zu verbreiten. Die Gender- und Medienkompetenz der RezipientInnen muss gestärkt werden.
Frauen müssen stärker an der Schaffung von Medien beteiligt werden, um die Inhalte an gesellschaftliche Realitäten anzupassen und neue Vorbilder zu etablieren.
Gesundheit: ein Grundrecht. Auch für Frauen.
Der physische Unterschied zwischen Frauen und Männern wird in der Medizin häufig nicht wahrgenommen: der männliche Körper ist Standard, der weibliche Körper mit seinen speziellen Risiken weicht ab. Frauen werden immer noch schlechter beraten und behandelt als Männer, Männern werden häufiger teure und hochwirksame Präparate verschrieben, als Frauen. Hier müssen ÄrztInnen besser ausgebildet, die geschlechtsspezifische Vorsorge ausgebaut werden. Speziell Leistungen wie zum Beispiel die Krebsvorsorge dürfen nicht aus dem Leistungskatalog der Krankenkassen ausgegliedert werden. Des Weiteren muss die Pharmaindustrie dazu gezwungen werden, künftig ihre Medikamente auch an Frauen zu erproben. Dies könnte z.B. Über eine Verknüpfung der Zulassung von Medikamenten mit durchgeführten Testreihen geschehen.
Die Grüne Jugend NRW fordert Kampagnen, die zu einem gelassenen Umgang mit dem eigenen Körper aufrufen und den „Schönheits“-Wahn und das Eifern nach fragwürdigen Vorbildern bekämpfen. Essstörungen, die besonders viele Mädchen und immer mehr Jungen betreffen, müssen von der Gesellschaft als Krankheit verstanden und breit thematisiert werden.
Außerdem müssen ÄrztInnen bei der Erkennung körperlicher Gewalt gegen Frauen und Kinder besser ausgebildet werden. Es ist leider noch immer so, dass viele Anzeichen körperlicher Misshandlung von Ärzten nicht erkannt werden. Hier muss die Ausbildung der ÄrztInnen reformiert und die Mittel im Gesundheitssystem aufgestockt werden.
Alle Lebensformen verdienen Respekt
Die Grüne Jugend NRW fordert die gesellschaftliche und rechtliche Akzeptanz jedweder Lebensform. Alle Verantwortungsgemeinschaften, in denen zwei oder mehrere Menschen füreinander Verantwortung übernehmen, verdienen staatliche Förderung und Rechtssicherheit, das Leben mit Kindern muss in besonderer Weise staatlich gefördert werden.
Die heterosexuelle Ehe ist in Deutschland gegenüber anderen Lebensformen völlig überprivilegiert. Daher müssen rückwärtsgewandte staatliche Subventionen wie das Ehegattensplitting abgeschafft werden, da es unter anderem die Stellung der höher verdienenden PartnerIn gegenüber der geringer Verdienenden unverantwortlich stärkt.
Mit dem Lebenspartnerschaftsgesetz wurde die Diskriminierung gleichgeschlechtlicher Lebensweisen nicht aufgehoben, sondern durch den deutlichen Unterschied in der Ausgestaltung von Rechten und Pflichten sogar eher zementiert. Für die Grüne Jugend NRW ist dies nicht hinnehmbar. Wir fordern deswegen die Öffnung der Ehe und des Adoptionsrechts auch für homosexuelle Paare. Gleichzeitig sollten Verantwortungsgemeinschaften außerhalb von Ehe und Familie durch die Einführung eines Wahlverwandtschaften-Modells nach französischem Vorbild gestärkt werden.
Gewalt gegen Frauen ächten und bekämpfen
Etwa 37% der Frauen erfahren in ihrem Leben körperliche, 13% sexuelle Gewalt. Gewalt spielt sich immer noch vor allem in der Familie ab, Opfer sind meist Töchter oder Ehefrauen. Diese Gewalt gilt es zum öffentlichen Thema zu machen, die Ächtung weiter voran zu treiben und die rechtliche Situation zu verbessern. Hier ist das Gewaltschutzgesetz ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.
Auch ÄrztInnen müssen für dieses Thema sensibilisiert werden. In ihrer Ausbildung sollten sie erlernen, wie Spuren von Gewalt zu erkennen sind und welche Hilfe gegenüber Betroffenen angemessen ist.
Wir unterstützen alle politischen Bemühungen gegen Zwangsverheiratungen.
Frauen- und Mädchenhäuser leisten wichtige Arbeit bei der Unterstützung misshandelter und verfolgter Frauen. Die von der schwarz- gelben Landesregierung vorgelegten Kürzungen bei den Frauen- und Mädchenhäusern beschneiden deren Arbeit massiv. 20% der Plätze fallen weg.
Kürzungen der Landesregierung treffen die Falschen
Die Mittelkürzungen bei Frauenhäusern, Projekten zur Akzeptanzförderung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften, den Beratungsstellen „Frau und Beruf“ und den Gewaltpräventions- und Eheberatungsstellen bedeuten einen Kahlschlag auf dem Gebiet der Frauenförderung. Sie zeigen die Rückwärtsgewandtheit der Rüttgers – CDU und die fehlende Sensibilität für zentrale gesellschaftliche Fragen und Probleme. Der Kampf für mehr Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau wird so mutwillig zurückgeworfen, misshandelte Frauen und Kinder werden einer Zuflucht beraubt, Netzwerke und Koordinationsstellen zerschlagen.
Die Kürzungen im Frauenbereich sind ein Skandal und müssen zurück genommen werden. Hierfür setzt sich die Grüne Jugend NRW ein.




